Pr?sident James E. Faust
Zweiter Ratgeber in der Ersten Pr?sidentschaft
Liebe Br?der und Schwestern und Freunde, ich stehe dem?tig und gebeterf?llt vor Ihnen. Ich m?chte ?ber die heilende Kraft der Vergebung sprechen
In den herrlichen H?geln von Pennsylvania lebt eine strenggl?ubige Gruppe von Christen, die ein sehr einfaches Leben ohne Autos, Elektrizit?t und moderne Maschinen f?hren. Sie arbeiten hart und leben still und friedlich abseits von der Welt. Die meisten ihrer Lebensmittel stammen von ihren eigenen Bauernh?fen. Die Frauen n?hen, stricken und weben ihre Kleidung, die sittsam und schlicht ist. Sie sind als die Amish bekannt.
Ein 32-j?hriger Fahrer eines Milchtransporters lebte mit seiner Familie in einem ihrer Orte, in Nickel Mines. Er war kein Amish, doch seine Sammelroute f?hrte ihn zu vielen Milchbauernh?fen der Amish, und er wurde dort als der stille Milchmann bekannt. Letztes Jahr im Oktober verlor er pl?tzlich allen Sinn und Verstand. Sein gequ?lter Geist gab Gott die Schuld am Tod seines ersten Kindes und an einigen nicht best?tigten Erinnerungen. Er st?rmte ohne jeden Anlass in die Schule der Amish, schickte die Jungen und die Erwachsenen hinaus und fesselte die zehn M?dchen. Er schoss auf die M?dchen, t?tete f?nf und verwundete f?nf. Dann nahm er sich selbst das Leben.
Diese schockierende Gewalt verursachte gro?en seelischen Schmerz unter den Amish, jedoch keinen Zorn. Sie waren verletzt, aber hassten nicht. Ihre Vergebung kam sofort. Gemeinsam begannen sie, sich um die leidende Familie des Milchmanns zu k?mmern. Als die Familie des Milchmanns am Tag nach der Schie?erei in seinem Haus versammelt war, kam ein Amish-Nachbar hin?ber, umarmte den Vater des toten Sch?tzen und sagte: ?Wir werden euch vergeben.?1 F?hrende Amish besuchten die Frau und die Kinder des Milchmanns, um ihnen ihr Mitgef?hl auszusprechen, und zeigten sich vergebungsbereit, hilfsbereit und liebevoll. Etwa die H?lfte der Trauernden bei der Bestattung des Milchmanns waren Amish. Ebenso luden die Amish die Familie des Milchmanns zur den Trauerfeiern f?r die M?dchen ein, die umgebracht worden waren. Ein bemerkenswerter Friede kam ?ber die Amish, als ihr Glaube sie in dieser Krise st?tzte.
Ein Einheimischer fasste mit sehr treffenden Worten die Nachwirkungen dieser Trag?die zusammen: ?Wir haben alle dieselbe Sprache gesprochen, nicht nur Englisch, sondern auch eine Sprache der F?rsorge, eine Sprache der Gemeinschaft und eine Sprache des Dienens. Und, ja, auch eine Sprache der Vergebung.?2 Es war erstaunlich, wie sie ihren ganzen Glauben an die Lehren des Herrn in der Bergpredigt wirken lie?en: ?Liebt eure Feinde und betet f?r die, die euch verfolgen.?3
Die Familie des Milchmanns, der die f?nf M?dchen umgebracht hatte, ver?ffentlichte folgende Erkl?rung:
?An unsere Amish-Freunde und ? Nachbarn und die ?rtliche Gemeinde!
Unsere Familie m?chte, dass Sie alle wissen, dass wir von der Vergebungsbereitschaft, der Gnade und Barmherzigkeit, die Sie uns gezeigt haben, ?berw?ltigt sind. Ihre Liebe f?r unsere Familie hat dazu beigetragen, dass wir die Heilung finden konnten, die wir so verzweifelt n?tig hatten. Die Gebete, Blumen, Karten und Geschenke, die wir von Ihnen erhalten haben, haben unser Herz auf eine Weise ber?hrt, die nicht in Worten ausgedr?ckt werden kann. Ihr Mitgef?hl ist ?ber unsere Familie, unseren Lebensbereich hinausgegangen und hat unsere Welt ver?ndert. Daf?r danken wir Ihnen aufrichtig.
Wir m?chten, dass Sie wissen, dass die Geschehnisse uns das Herz zerrissen haben. Wir empfinden gro?en Kummer f?r all unsere Amish-Nachbarn, die uns lieb waren und weiterhin lieb sind. Wir wissen, dass vor all den Familien, die geliebte Menschen verloren haben, viele schwere Stunden und Tage liegen, und daher werden wir weiterhin unsere Hoffnung und unser Vertrauen in den Gott allen Trostes setzen, w?hrend wir uns alle bem?hen, unser Leben wieder aufzubauen.?4
Wie konnte die gesamte Gruppe der Amish auf solche Weise ihre Vergebung zum Ausdruck bringen? Es war m?glich durch ihren Glauben an Gott und ihr Vertrauen in sein Wort, beides Teil ihres innersten Wesens. Sie sehen sich als J?nger Christi und wollen seinem Beispiel folgen.
Viele Menschen, die von dieser Trag?die h?rten, schickten den Amish Geld f?r die medizinische Versorgung der f?nf verletzten M?dchen und die Bestattungskosten der f?nf, die umgebracht worden waren. Die Amish demonstrierten auch hier, dass sie wahre J?nger sind, denn sie beschlossen, einen Teil des Geldes der Witwe des Milchmannes und ihren drei Kindern zu geben, da auch sie Opfer dieser schrecklichen Trag?die waren.
Vergebung geschieht nicht immer so unverz?glich, wie es bei den Amish geschah. Wenn unschuldige Kinder missbraucht oder get?tet werden, hat bei den meisten von uns der erste Gedanke nichts mit Vergebung zu tun. Unsere nat?rliche Reaktion ist Zorn. Wir f?hlen uns m?glicherweise sogar gerechtfertigt in dem Wunsch, sich an dem zu r?chen, der uns oder unserer Familie Verletzungen zuf?gt.
Dr. Sidney Simon, eine anerkannte Autorit?t auf dem Gebiet Wertevermittlung, hat eine hervorragende Definition f?r Vergebung gegeben, wie sie in zwischenmenschlichen Beziehungen stattfindet:
?Vergebung setzt die Energie frei und nutzt sie besser, die vorher davon verzehrt wurde, dass Groll und Verbitterung gehegt und offene Wunden gepflegt wurden. Sie l?sst die St?rken wieder hervorkommen, die wir schon immer hatten, und l?sst uns unsere grenzenlose F?higkeit wiederfinden, andere Menschen und uns selbst zu verstehen und anzunehmen.?5
Die meisten von uns ben?tigen Zeit, um Schmerz und Verlust zu verarbeiten. Wir k?nnen alle m?glichen Gr?nde daf?r finden, die Vergebung hinauszuschieben. Einer dieser Gr?nde ist, darauf zu warten, dass der ?belt?ter umkehrt, ehe wir ihm vergeben. So ein Aufschub verhindert jedoch, dass wir Frieden und Gl?ck empfinden k?nnen. Die Torheit, lang zur?ckliegende Verletzungen immer wieder hervorzubringen, macht uns nicht gl?cklich.
Es gibt Menschen, die ihr Leben lang einen Groll hegen, ohne zu erkennen, dass es heilsam und therapeutisch w?re, demjenigen, der uns Unrecht getan hat, mutig zu vergeben.
Vergeben ist leichter, wenn wir, wie die Amish, Glauben an Gott haben und auf sein Wort vertrauen. Ein derartiger Glaube ?erm?glicht es Menschen, dem Schlimmsten der Menschheit zu widerstehen. Er erm?glicht Menschen auch, ?ber sich selbst hinauszusehen. Und was noch wichtiger ist: Er hilft ihnen zu vergeben.?6
Wir alle erleiden Verletzungen durch Ereignisse, die scheinbar ohne Sinn und Zweck sind. Wir k?nnen sie weder verstehen noch erkl?ren. Wir werden m?glicherweise nie erfahren, warum manches in diesem Leben geschieht. Der Grund f?r einiges, was wir erleiden, ist nur dem Herrn bekannt. Aber da es geschieht, muss es ertragen werden. Pr?sident Howard W. Hunter hat gesagt: ?Gott wei? und sieht, was wir nicht wissen und nicht sehen.?7
Pr?sident Brigham Young ?u?erte die tiefe Erkenntnis, dass zumindest einiges von dem, was wir erleiden, einen Zweck hat. Er sagte: ?Jedes Unheil, das ?ber ein sterbliches Wesen hereinbrechen kann, werden einige wenige erleiden, um darauf vorbereitet zu werden, sich der Gegenwart des Herrn zu erfreuen. ? Jede Pr?fung und Erfahrung, die ihr durchlebt habt, ist f?r eure Errettung notwendig.?8
Wenn wir in unserem Herzen Vergebung f?r diejenigen finden, die uns Schmerz und Verletzungen zugef?gt haben, gelangen wir auf eine h?here Ebene, was unsere Selbstachtung und unser Wohlbefinden angeht. Einige aktuelle Studien zeigen, dass Menschen, denen beigebracht wird zu vergeben, ?weniger zornig, weniger niedergeschlagen, weniger ?ngstlich, weniger gestresst und daf?r hoffnungsvoller? sind, was zu gr??erem k?rperlichen Wohlbefinden f?hrt.9 Eine andere dieser Studien f?hrt zu dem Schluss, ?dass Vergebung ein befreiendes Geschenk ist, das Menschen sich selbst machen k?nnen?.10
In der heutigen Zeit ermahnt uns der Herr: ?Ihr sollt einander vergeben? und macht es dann mit diesen Worten zu einer Notwendigkeit: ?Ich, der Herr, vergebe, wem ich vergeben will, aber von euch wird verlangt, dass ihr allen Menschen vergebt.?11
Eine Schwester, die eine schmerzvolle Scheidung hinter sich gebracht hatte, erhielt einen guten Rat von ihrem Bischof: ?Halten Sie einen Platz in Ihrem Herzen frei f?r die Vergebung, und wenn sie dann kommt, hei?en Sie sie willkommen!?12 Bei den Amish gab es diesen Platz bereits, da ?Vergebung ein tief empfundener Bestandteil ihrer Religion ist?.13 Ihre beispielhafte Vergebungsbereitschaft ist ein erhabener Ausdruck christlicher Liebe.
Hier in Salt Lake City kam 1985 Bischof Steven Christensen ohne eigenes Verschulden brutal und sinnlos durch eine Bombe um, mit der man es auf ihn abgesehen hatte. Er war der Sohn von Mac und Joan Christensen, der Ehemann von Terri und Vater von vier Kindern. Mit dem Einverst?ndnis seiner Eltern erz?hle ich, was sie aus dieser Erfahrung gelernt haben. Nach dieser schrecklichen Tat folgten die Medien den Angeh?rigen der Familie Christensen unbarmherzig ?berall hin. Einmal ?rgerte das st?ndige Eindringen der Medien einen Angeh?rigen so sehr, dass Stevens Vater, Mac, ihn zur?ckhalten musste. Mac dachte daraufhin: ?Diese Sache wird meine Familie zerst?ren, wenn wir nicht vergeben. Feindseligkeit und Hass werden nie zu einem Ende kommen, wenn wir Herz und Sinn nicht davon befreien k?nnen.? Heilung und Friede zogen ein, als die Familie ihr Herz vom Zorn reinigte und in der Lage war, dem Mann, der ihrem Sohn das Leben genommen hatte, zu vergeben.
Vor kurzem ereigneten sich zwei andere Trag?dien hier in Utah, in denen sich Glaube und die heilende Kraft der Vergebung zeigten. Gary Ceran, dessen Frau und zwei Kinder am Heiligabend umkamen, als ein Lastwagen in ihr Fahrzeug fuhr, brachte sofort seine Vergebungsbereitschaft und Sorge um den vermutlich betrunkenen Fahrer zum Ausdruck. Im vergangenen Februar, als ein Auto auf das Fahrzeug von Bischof Christopher Williams prallte, musste er eine Entscheidung treffen, und diese lautete, dem Fahrer, der den Unfall verursacht hatte ?bedingungslos zu vergeben?, damit der Heilungsprozess ungehindert verlaufen konnte.14
Was k?nnen wir alle aus Ereignissen wie diesen lernen? Wir m?ssen Gef?hle des Zorns erkennen und anerkennen. Hierf?r ist Demut notwendig, aber wenn wir auf die Knie gehen und den himmlischen Vater um Vergebungsbereitschaft bitten, wird er uns helfen. Der Herr verlangt zu unserem eigenen Nutzen, dass wir allen Menschen vergeben15, weil ?Hass das geistige Wachstum hemmt?.16 Nur wenn wir uns von Hass und Bitterkeit befreien, kann der Herr unserem Herzen Trost schenken, wie er es f?r die Gemeinschaft der Amish, die Familie Christensen, die Familie Ceran und die Familie Williams tat.
Nat?rlich muss die Gesellschaft vor hartgesottenen Verbrechern gesch?tzt werden, denn Barmherzigkeit darf die Gerechtigkeit nicht berauben.17 Bischof Williams hat dieses Konzept sehr gut in Worte gefasst, als er sagte: ?Vergebung ist eine Quelle der Kraft. Aber sie befreit uns nicht von den Folgen.?18 Wenn Trag?dien stattfinden, d?rfen wir nicht darauf reagieren, indem wir pers?nliche Rache anstreben, sondern m?ssen stattdessen der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen und dann loslassen. Es ist nicht einfach, loszulassen und unser Herz von schw?rendem Groll zu befreien. Der Erretter bietet uns allen durch sein S?hnopfer einen kostbaren Frieden, doch dieser kann nur einziehen, wenn wir willens sind, negative Gef?hle wie Zorn, Verachtung oder Rachsucht abzulegen. Allen von uns, die denen vergeben, die sich ihnen gegen?ber verfehlt haben19, auch denen, die schwerwiegende Vergehen begangen haben, bringt das S?hnopfer ein gewisses Ma? an Frieden und Trost.
Wir d?rfen nicht vergessen, dass wir vergeben m?ssen, damit uns vergeben wird. In einem meiner liebsten Kirchenlieder hei?t es: ?O, vergib, so wie auch dir hier vergeben wird von mir.?20 Ich glaube mit ganzem Herzen und ganzer Seele an die heilende Kraft, die wir erlangen k?nnen, wenn wir dem Rat des Erretters folgen, ?dass ihr allen Menschen vergebt?.21 Im Namen Jesu Christi. Amen.