Elder Jeffrey R. Holland
om Kollegium der Zw?lf Apostel
Der Prophet Joseph Smith vertiefte unser Verst?ndnis von der Macht der Sprache, als er sagte: ?Jedes Wesen, das durch Glauben wirkt, wirkt durch Worte. Gott sprach: ?Lasst Licht sein; und es ward Licht.? Josua sprach, und die gro?en Lichter, die Gott erschaffen hatte, standen still. Elija gebot, und die Himmel waren f?r drei Jahre und sechs Monate verschlossen, sodass es nicht regnete. ? Das alles wurde durch Glauben getan. ? Glaube wirkt also durch Worte, und durch [Worte] wurden und werden seine m?chtigsten Werke vollbracht.?1 Wie alle Gaben, die ?von oben? kommen, sind Worte ?heilig und [m?ssen] mit Sorgfalt und unter dem Dr?ngen des Geistes gesprochen werden?.2
In dem Bewusstsein, wie m?chtig und heilig Worte sind, m?chte ich uns im Hinblick darauf, wie wir zueinander sprechen und wie wir von uns selbst sprechen, zu Vorsicht raten, sollte das erforderlich sein.
Eine Zeile aus den Apokryphen dr?ckt den Ernst dieses Themas besser aus, als ich es kann. Dort hei?t es: ?Peitschenhieb schl?gt Striemen, Zungenhieb zerbricht Knochen.?3 Mit dieser schmerzhaften Vorstellung vor Augen war ich besonders beeindruckt, als ich im Brief des Jakobus las, dass es eine M?glichkeit f?r mich gibt, ein ?vollkommener Mann? zu sein.
Jakobus sagte: ?Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen. Wer sich [jedoch] in seinen Worten nicht verfehlt, ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen K?rper v?llig im Zaum halten.?
Er f?hrt das Bild vom Zaumzeug weiter und schreibt: ?Wenn wir den Pferden den Zaum anlegen, damit sie uns gehorchen, lenken wir damit das ganze Tier.
Oder denkt an die Schiffe: Sie sind gro? und werden von starken Winden getrieben, und doch lenkt [man] sie ? mit einem ganz kleinen Steuer.?
Dann kommt Jakobus zum Punkt: ?So ist auch die Zunge nur ein kleines K?rperglied. ? [Doch] wie klein kann ein Feuer sein, das einen gro?en Wald in Brand steckt.
Auch die Zunge ist ein Feuer, ? der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt ?; sie selbst aber ist von der H?lle in Brand gesetzt.
Denn jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, was am Boden kriecht und was im Meer schwimmt, ? ist vom Menschen auch gez?hmt worden;
doch die Zunge kann kein Mensch z?hmen, dieses ruhelose ?bel, voll von t?dlichem Gift.
Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind.
Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Br?der, so darf es nicht sein.?4
Also das sind doch recht deutliche Worte! Offensichtlich meint Jakobus nicht, dass unsere Zunge immer b?sartig ist, noch, dass alles, was wir sagen, ?voll von t?dlichem Gift? ist. Aber er meint eindeutig, dass zumindest manches, was wir sagen, destruktiv und sogar giftig sein kann ? und das ist eine erschreckende Anklage f?r einen Heiligen der Letzten Tage! Die Stimme, die aufrichtig Zeugnis gibt, inbr?nstige Gebete spricht und die Lieder Zions singt, kann dieselbe Stimme sein, die schimpft und kritisiert, besch?mt und erniedrigt, Schmerzen zuf?gt und dabei den eigenen Geist und den anderer zerst?rt. ?Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch?, gr?mt sich Jakobus. ?Meine Br?der [und Schwestern]?, sagt er, ?so darf es nicht sein.?
Ist das etwas, woran wir alle ein wenig arbeiten k?nnten? Ist dies ein Bereich, in dem jeder von uns versuchen k?nnte, ein bisschen mehr ?vollkommen? zu sein?
Ehem?nner, Ihnen ist das heiligste Geschenk anvertraut worden, das Gott Ihnen geben kann ? eine Ehefrau, eine Tochter Gottes, die Mutter Ihrer Kinder, die sich Ihnen f?r Liebe und eine gl?ckliche Gemeinschaft aus freien St?cken selbst gegeben hat. Denken Sie an die liebevollen Worte, die Sie ihr gesagt haben, als Sie um sie warben. Denken Sie an die Segen, die Sie ihr gaben, als sie ihr liebevoll die H?nde auflegten. Sehen Sie sich selbst und sie als den Gott und die G?ttin, die Sie beide von Natur aus sind, und denken Sie dann an Augenblicke, in denen kalte, scharfe und unbeherrschte Worte fielen. Angesichts des Schadens, der mit der Zunge angerichtet werden kann, wundert es kaum, dass der Erretter sagte: ?Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.?5 Ein Mann, der nicht einmal im Traum daran denken w?rde, seine Frau zu schlagen, kann mit der Rohheit gedankenloser oder unfreundlicher ?u?erungen ? wenn auch nicht ihre Knochen ? so doch sicher ihr Herz brechen. K?rperliche Misshandlung wird in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage einhellig und unmissverst?ndlich verurteilt. Falls es ?berhaupt m?glich ist, etwas noch h?rter zu verurteilen, so sprechen wir noch energischer gegen jede Form sexuellen Missbrauchs. Heute m?chte ich mich gegen jede verbale und emotionale Misshandlung eines anderen aussprechen, besonders aber, wenn ein Mann seine Frau so behandelt. Meine Br?der, so darf es nicht sein.
In diesem Sinne sprechen wir ebenso zu den Schwestern, denn diese S?nde, die verbale Misshandlung, kennt kein Geschlecht. Ehefrauen, wie steht es mit der unbeherrschten Zunge in Ihrem Mund, mit der Macht zum Guten oder B?sen in Ihren Worten? Wie kann es nur sein, dass eine so liebliche, in ihrer g?ttlichen Natur so engelhafte Stimme, die dem Schleier so nahe, instinktiv so sanft und von Natur aus so g?tig ist, sich dann pl?tzlich in etwas so Schrilles, Bissiges, Schneidendes und Unbeherrschtes verwandeln kann? Die Worte einer Frau k?nnen schneidender sein als jeder Dolch, der je geschmiedet wurde, und k?nnen die Menschen, die sie liebt, dazu treiben, dass sie sich hinter eine Mauer zur?ckziehen, die weiter entfernt ist, als es sich jemand zu Beginn des Wortwechsels je h?tte vorstellen k?nnen. Schwestern, in Ihrem gro?artigen Geist ist kein Platz f?r bittere oder grobe ?u?erungen irgendwelcher Art, einschlie?lich Tratsch oder Verleumdung oder geh?ssige Bemerkungen. Lassen Sie es nicht zu, dass von unserem Zuhause oder unserer Gemeinde oder unserer Nachbarschaft gesagt wird, dass ?die Zunge ? ein Feuer [ist], eine Welt voll Ungerechtigkeit?.
Darf ich diesen Rat erweitern und ihn zu einer Familiensache machen. Wir m?ssen ungemein umsichtig sein, wenn wir mit einem Kind sprechen. Was wir sagen oder nicht sagen, wie wir es sagen und wann, ist sehr, sehr wichtig f?r die Entwicklung des Selbstverst?ndnisses eines Kindes. Aber noch wichtiger ist es f?r die Entwicklung seines Glaubens an uns und seines Glaubens an Gott. Seien Sie aufbauend in allen ?u?erungen, die Sie an ein Kind richten ? immer. Sagen Sie nicht einmal im Scherz zu ihm, dass es dick oder dumm oder faul oder unattraktiv sei. Sie w?rden das nie in b?sartiger Weise tun, aber die Kinder erinnern sich daran und k?mpfen vielleicht jahrelang darum, es zu vergessen ? und zu vergeben. Und versuchen Sie nicht, Ihre Kinder miteinander zu vergleichen, selbst wenn Sie meinen, dass Sie geschickt darin seien. Sie sagen vielleicht in bester Absicht, dass ?Susanne h?bsch ist und Sandra intelligent?, aber alles, woran Susanne sich erinnern wird, ist, dass sie nicht intelligent ist, und Sandra, dass sie nicht h?bsch ist. Loben Sie jedes Kind pers?nlich f?r das, was es ist, und helfen Sie ihm, der bei uns so verbreiteten Besessenheit zu entgehen, zu vergleichen, zu wetteifern und nie das Gef?hl zu haben, gut genug zu sein.
Bei all dem gehe ich davon aus, es versteht sich von selbst, dass negatives Reden allzu oft negativem Denken entspringt, einschlie?lich dem negativen Denken ?ber uns selbst. Wir sehen unsere eigenen Fehler, wir sprechen ? oder denken zumindest ? kritisch ?ber uns, und mit einem Mal sehen wir alles und jeden so. Kein Sonnenschein, keine Rosen, keine Aussicht auf Hoffnung oder Gl?ck. Es dauert nicht lange, dann sind wir und jedermann um uns herum ungl?cklich.
Mir gef?llt, was Elder Orson F. Whitney einmal gesagt hat: ?Der Geist des Evangeliums ist optimistisch. Er vertraut auf Gott und betrachtet alles positiv. Der andere, der pessimistische Geist zieht Menschen herab und entfernt sie von Gott, sieht das Negative, murrt und beklagt sich und gehorcht nur langsam.?6 Folgen wir der Aufforderung des Erretters: ?Seid guten Mutes!?7 (In der Tat scheint es mir, dass wir dieses Gebot vielleicht ?fter brechen als fast jedes andere!) Sprechen Sie hoffnungsvoll. Sprechen sie ermutigend, auch ?ber sich selbst. Versuchen Sie, nicht st?ndig zu klagen und zu jammern. Wie einmal gesagt wurde: ?Selbst im goldenen Zeitalter der Zivilisation hat zweifellos irgendjemand gemault, dass alles zu gelb aussieht.?
Ich habe oft gedacht, dass es f?r Nephi vielleicht leichter zu ertragen war, mit Stricken gebunden und mit Ruten geschlagen zu werden, als sich Lamans und Lemuels st?ndiges Murren anzuh?ren.8 Sicher muss er mindestens einmal gesagt haben: ?Schlagt noch einmal zu. Ich kann euch immer noch h?ren.? Ja, das Leben hat seine Probleme, und ja, wir werden mit Negativem konfrontiert, aber bitte nehmen Sie eine von Elder Hollands Lebensregeln an: Kein Ungl?ck ist so schlimm, dass es durch Jammern nicht noch schlimmer w?rde.
Paulus sagte es offen, aber sehr hoffnungsvoll. Er sagte zu uns allen: ??ber eure Lippen komme kein b?ses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, st?rkt, und dem, der es h?rt, Nutzen bringt.
Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes ?
Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und L?sterung ? verbannt aus eurer Mitte!
Seid g?tig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.?9
In seinem tief bewegenden letzten Zeugnis ruft Nephi uns auf, ?dem Sohn [Gottes] mit voller Herzensabsicht [nachzufolgen]?, und verspricht: ?Nachdem ihr ? die Taufe mit Feuer und mit dem Heiligen Geist empfangen habt, [k?nnt ihr] mit neuer Zunge reden, ja, selbst mit der Zunge von Engeln. ? Und ? wie k?nnt ihr mit der Zunge von Engeln reden, au?er durch den Heiligen Geist? Engel reden durch die Macht des Heiligen Geistes; darum reden sie die Worte von Christus.?10 In der Tat war und ist Christus, seinem Lieblingsj?nger Johannes zufolge, ?das Wort?11, voller Gnade und Wahrheit, voller Barmherzigkeit und Mitgef?hl.
Also, Br?der und Schwestern, versuchen wir doch in diesem langen, ewigen Streben, unserem Erretter ?hnlicher zu sein, jetzt wenigstens auf diese eine Weise ?vollkommene M?nner und Frauen? zu sein ? indem wir uns nicht durch Worte verletzen, oder positiver gesagt, indem wir mit neuer Zunge reden, mit der Zunge von Engeln. Unsere Worte sollten, wie unsere Taten, angef?llt sein mit Glauben, Hoffnung und N?chstenliebe, den drei gro?en christlichen Geboten, die in der heutigen Welt so sehr gebraucht werden. Wenn solche Worte unter dem Einfluss des Geistes gesprochen werden, k?nnen sie Tr?nen trocknen, Herzen heilen, Leben erquicken, Hoffnung kann zur?ckkehren, Zuversicht kann sich durchsetzen. Ich bete darum, dass meine Worte Sie, selbst bei diesem schwierigen Thema, ermutigen und nicht entmutigen, dass Sie an meiner Stimme h?ren k?nnen, dass ich Sie lieb habe, weil dem so ist. Seien Sie vor allem bitte gewiss, dass Ihr Vater im Himmel Sie liebt, ebenso sein einziggezeugter Sohn. Wenn sie zu Ihnen sprechen ? und sie werden es tun ? wird es weder im Sturm sein, noch im Erdbeben, noch im Feuer, sondern mit einer sanften und leisen, zarten und g?tigen Stimme, n?mlich mit der Zunge von Engeln.12 M?gen wir uns alle an dem Gedanken freuen, dass wir, wenn wir Erbauendes und Ermutigendes zu den geringsten unserer Br?der und Schwestern und zu den Kleinen sagen, wir es auch Gott sagen.13 Im Namen Jesu Christi. Amen.